Gedanken zu Kultur, Identität, Loyalität.


Quelle: pixabay.


Immer wieder lese ich von (sich unterscheidenden) Kulturen, "Wertegemeinschaften" und ähnlichem und möchte heute meine diesbezügliche Sicht erläutern.

Um mit der Kernaussage zu beginnen: Ich kann dem gedanklichen Konzept homogener 'Kulturen' mit weitgehend einheitlichen Werten, Verhaltensweisen, Bräuchen, Traditionen und vor allem Denkweisen der Menschen innerhalb von Ländern oder Regionen (bzw. Glaubensgemeinschaften etc.) nichts abgewinnen.


Ein Individuum = eine 'Mikrokultur'


Stattdessen steht in meinen Augen jeder einzelne Mensch für eine ganz eigene, individuelle 'Mikrokultur', die mit den 'Mikrokulturen' aller anderen Menschen, egal wo sie leben, mal mehr, mal weniger Überlappungsbereiche aufweist (ich stelle mir das ähnlich wie sich in der Mengenlehre teilweise, aber nicht vollständig überschneidende Mengen vor).
Meine politische Einstellung beispielsweise ist nur ein kleiner Teil der 'jaki01-Kultur‘ und stellt, wie auch jede andere meiner Eigenschaften, lediglich einen kleinen Mosaikstein meiner Gesamtidentität dar.

So bin ich bei Weitem nicht nur "grüner Gutmensch“, sondern z. B. auch Schachspieler, Sportwetter, Befürworter eines schlanken Staats, Feiertage Nichtfeierer, Nichtbier-, aber Teetrinker, Kryptowährungsbefürworter, Blogger, Agnostiker, Nichtautofahrer, Vielflieger, Naturwissenschaftler, Mann, Vater, Nachteule, Sommerfreund und Winterfeind, der gerne im Liegen arbeitet ... um einfach zufällig und ohne jegliche Bewertung einige meiner 'kulturellen Eigenheiten' herauszugreifen (wobei ich ganz bewusst auch solche Charakteristika nannte, die normalerweise nicht unter 'Kultur' geführt werden, da ich keine scharfe Trennlinie zwischen 'kulturellen' und 'nichtkulturellen' Merkmalen ziehe).

Die Eigenschaft, gerne Schach zu spielen, stellt gemäß meiner Vorstellung von 'Kultur‘ z. B. eine kleine Schnittmenge mit den 'Mikrokulturen‘ aller anderen, ebenfalls dem 'königlichen Spiel‘ zugeneigten Menschen dieser Welt dar, während die Eigenschaft, mich für Kryptowährungen zu interessieren, eine Schnittmenge mit den 'Kulturen‘ aller anderen HIVE-User ist, völlig unabhängig von ihren politischen Ansichten, ihrer Religion oder ihrem Wohnort.

Jetzt könnte man das Spektrum meiner Eigenschaften mit demjenigen eines zufällig herausgegriffenen Deutschen/Europäers, Afrikaners, Asiaten, Muslims, Christen, Juden oder Atheisten vergleichen, um zu eruieren, wie ähnlich sich unsere 'Kulturen' seien. Würden mir alle Deutschen ähnlicher sein, d. h. mehr Gemeinsamkeiten mit mir aufweisen, als z. B. alle Inder oder alle Chinesen? Mit Sicherheit nicht! Bestimmt merkt auch der ein oder andere (deutschsprachige) Leser gerade, wie wenige Schnittpunkte es zwischen uns gibt, wie kulturell verschieden wir beide sind ("Kein Biertrinker? Das kann doch wohl nicht wahr sein!"), oder?


Homogene 'Wertegemeinschaften' sind inexistent.


Seien wir doch ehrlich: Viele Deutsche haben miteinander doch trotz ihrer angeblich ähnlichen (als "christlich-jüdisch", "abendländisch" oder wie auch immer bezeichneten) Prägung kaum etwas miteinander gemeinsam.

Die breite Palette der zu unerbittlich (und oft unsachlich) geführten Diskussionen führenden Themen erstreckt sich von Streitereien über die angemessene Reaktion auf die COVID-19-Pandemie oder den Klimawandel, die Sinnhaftig- oder -losigkeit des 'Gendering‘ oder von Frauenquoten, den Umgang mit Minderheiten (z. B. Flüchtlinge, Ausländer, Muslime, AfD-Wähler, ...) :-) bis hin zu Fragen bezüglich Ernährung und Landwirtschaft (ökologische Landwirtschaft contra Massentierhaltung) sowie Energiegewinnung und Verkehr (Atom, Kohle oder Solar, Elektroautos oder Diesel).

Aus diesem Grund glaube ich nicht an Ländern, Nationen oder Menschen bestimmter Religion zuordenbare kulturelle Eigenheiten oder Werte - dafür sind die miteinander bestimmte Regionen teilenden Individuen vieeel zu verschiedenartig, wofür der Mikrokosmos jedes kleinen Forums, jedes sozialen Netzwerks, jedes HIVE-Discord-Kanals, kurz: fast jeder politischen Diskussion mit seinen darin streitenden und sich kaum je auf einen minimalen gemeinsamen Nenner einigen könnenden Deutschen der beste Beweis ist. Wir sind also so dermaßen verschieden, mit völlig unterschiedlichen Ansichten und Wertvorstellungen, wie es überhaupt nur möglich scheint - just face it!
Und wenn du mir hier an dieser Stelle widersprichst, ist das wieder nur ein weiteres Beispiel dafür, wie verschieden die Sicht- und Denkweisen der doch angeblich so ähnlich tickenden Deutschen sind! :-)

Um es klarzustellen: Dass zwischen meiner und den 'Kulturen‘ der meisten anderen Menschen (seien sie nun deutsch oder nicht) nur geringe Schnittmengen bestehen (mit dem einen kann ich möglicherweise Schach spielen, mit dem anderen vielleicht über Fußball fachsimpeln, ...), sehe ich zunächst einmal weder als etwas Positives noch Negatives, sondern schlicht als wertneutrale Feststellung.

Allerdings bedeutet für mich diese offensichtliche Heterogenität der Denk- und Verhaltensweisen in derselben Region lebender Individuen, Begriffe wie "Wertegemeinschaft" oder "Leitkultur" etc. als unzutreffend bzw. nicht sinnvoll abzulehnen.
Stattdessen ist es einzig und allein das Grundgesetz, welches ein einigermaßen gut funktionierendes Zusammenleben völlig verschiedener Individuen ermöglicht.

Ich halte zwar dieses, das gesellschaftliche Leben regelnde Grundgesetz für sinnvoll und wichtig, aber darüber hinaus von Individuen irgendwelche Verhaltensweisen nur aufgrund angeblicher "abendländischer"/"christlich-jüdischer" Werte etc. zu erwarten für unsinnig. Warum sollte z. B. ich als Agnostiker mich an 'christlichen‘ Wertvorstellungen orientieren? Oder weshalb sollte ich von der Annahme ausgehen, die meisten anderen der über 80 Millionen Deutschen, von denen ich einen Großteil überhaupt nicht kenne, hießen meine politischen Ansichten gut, pflegten einen ähnlichen Lebensstil, oder hätten die gleichen Moralvorstellungen wie ich?

Was ich jedoch keineswegs bestreite, ist, dass bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen an bestimmten Orten statistisch gesehen häufiger auftreten als an anderen ... das ja, aber mehr als eine gewisse statistische Ungleichverteilung ist das nicht. Zu sagen, hier würden alle Menschen bestimmte Werte (andere als in anderen Ländern) teilen oder Lebensweisen pflegen, ist genauso falsch wie zu behaupten alle Deutsche wären größer als alle Thailänder.


Kurzer Ausflug in die Genetik


Ähnlich der obigen Begründung meiner Ablehnung des Vorhandenseins auf kultureller Prägung basierender, homogener 'Wertegruppen‘ begründen übrigens moderne Taxonomen das Nichtvorhandensein verschiedener Menschenrassen:

Aus biologischer Sicht ist es nicht sinnvoll, von verschiedenen "Menschenrassen" zu sprechen, denn bezüglich der Gesamtheit ihrer Allele können z. B. zwei Europäer durchaus verschiedener voneinander sein als beide von einem Afrikaner* (woran die relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei zufällig herausgegriffene Europäer genetisch ähnlicher sind als beide einem ebenfalls zufällig ausgewählten Afrikaner, überhaupt nichts ändert), oder anders ausgedrückt:
Ist die genetische Variabilität (also die genetischen Unterschiede bezogen auf das gesamte Genom) innerhalb der einzelnen Populationen einer Art größer als zwischen den verschiedenen Populationen, unterteilt man die Art nicht in Unterarten bzw. Subspezies (der Begriff "Rasse" wird in der Biologie ohnehin meist nur noch im Bereich der Züchtung verwendet); analog zu dieser Auffassung sehe ich im kulturellen Bereich keine homogenen, in sich abgeschlossenen 'Wertegemeinschaften‘ ...

Interessantes zum Thema '(Menschen)rassen' findet sich hier. Aufschlussreich ist beispielsweise ein im dort verlinkten Artikel von R. C. Lewontin zu findender Satz: "The consequence of this realization was the abandonment of "race" as a biological category during the last quarter of the twentieth century ..."

*Anmmerkung: Die beiden Beispieleuropäer mögen sich z. B. bezüglich des Merkmals "Hautfarbe" ähnlicher sein als beide dem Afrikaner, aber dabei handelt es sich nur eine (wenn auch gut sichtbare) Eigenschaft unter vielen tausenden. Der Afrikaner und der eine Europäer könnten sich beispielsweise bezüglich der Merkmale "PTH-Schmeckfähigkeit" oder "Blutgruppe", ähnlicher sein als beide dem zweiten Europäer ... Um die genetische Ähnlichkeit zweier Lebewesen zu bewerten, ist die Gesamtheit aller Merkmale (und damit aller Allele) zu betrachten.


Identität


Nun zum zweiten Punkt des Posttitels:

Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus? Mich wundert es immer wieder, wie sehr sich viele Mitmenschen an bestimmten Eckdaten orientieren, wenn es darum geht, sich gegenseitig kennenzulernen. Erwartet werden in erster Linie - mit je nach Situation und individueller Präferenz wechselnder Gewichtung - Informationen über Name, Herkunftsland/Wohnort, Alter, Geschlecht, Nationalität, Religion etc.

Die Fragen "Was bist du?" oder "Was machst du?" zielen in der Regel auf Antworten wie z. B. "Ich bin Biologe." ab. Aber hey, ich lasse mich nur äußerst ungern auf einen Beruf reduzieren, nur weil mir irgendein offizielles Dokument bestätigt, dass ich irgendwann mal irgendwelche Prüfungen bestanden habe! :)
Ich sehe mich nicht vor allem als jemanden, der einen bestimmten Beruf ausübt oder aufgrund seines Geburtsorts Staatsbürger irgendeines Landes ist. Ich bin ein Mensch mit vielfältigen Interessen und Kenntnissen (ob nun von offizieller Seite bestätigt oder nicht), der sich über seine eigenen Gedanken und Ideen definiert und gerne die Chance erhielte, zusammen mit dem Diskussionspartner herauszufinden, welche davon sich als Schnittmengen zweier 'Mikrokulturen‘ herausstellen, wobei ich Alter, Geschlecht, Beruf, Nationalität oder Religion meist als eher langweilig-unergiebige Themen empfinde.

Ich erlebte es online bereits des Öfteren, dass Gesprächspartner unbedingt zunächst Dinge wie meinen Realnamen etc. wissen wollten. Man müsse sich doch kennen, wenn man ernsthaft miteinander reden wolle. Ich schrieb dann meist, um mich wirklich zu kennen, sei es wichtiger, zu wissen was ich denke als wie ich heiße.

Und genau das ist der Punkt: Weder Nationalität oder Religion, noch Geschlecht oder Alter bilden das Wesen eines Menschen, sondern seine Gedanken, Ideen, Ideale, Pläne, Wünsche, Träume und Taten sind es, die ihn ausmachen.


Loyalität


Wem gegenüber ist eigentlich jemand loyal, der nicht an größere homogene 'Wertegemeinschaften‘ glaubt?

Schlägt mein Herz denn wenigstens patriotisch für Staat oder Nation? Nein, alles bleibt kalt, ich glaube, ich fühle da gerade überhaupt gar nichts. :)

Ich habe nie verstanden, weshalb Menschen wertlose Dinge wie Flaggen oder Wappen verehren, von Ruhm, Ehre und Blutvergießen handelnde Hymnen singen oder Politiker pompös von marschierenden Soldaten empfangen werden. All dies ist mir völlig fremd.
Obwohl ich selbst auch niemals auf die Idee käme, z. B. während einer Fußball-WM Fahnen zu schwenken oder aus dem Fenster zu hängen, habe ich überhaupt nichts gegen friedlichen Patriotismus - ich teile ihn nur nicht. Da geht es mir so ähnlich wie mit Religionen: Solange mich niemand bekehren will, zu wem auch immer zu beten, oder dazu zwingen, selbst Patriot zu werden, lasse ich den Religiösen gerne religiös sein und den Patrioten Patriot.

Loyalität empfinde ich nicht gegenüber abstrakten Gedankenkonstrukten wie Staaten, Nationen oder Religionen, sondern ausschließlich gegenüber Menschen, die ich mag und liebe, Menschen, deren Leidenschaften, Ideen und individuelle Wert- und Moralvorstellungen ich teile, deren Taten ich bewundere, von denen ich - auch aufgrund ihrer von den meinen abweichenden Ansichten - etwas lernen kann, völlig egal, ob sie in meiner unmittelbaren Nähe wohnen oder 15000 km von mir entfernt, ob sie Atheisten sind, Muslime oder das Fliegende Spaghettimonster anbeten (wenn überhaupt glaube ich selbst ja an den Bittcoin, den ich jeden Tag darum bitte, doch endlich auf 100000 Euro zu steigen). :-)

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